Datum 1971
höchste Platzierung 5
Album Funny How Sweet Co-Co Can Be
Website http://www.thesweetweb.com//

FLUFFIGER OHRWURMPOP OHNE KANTEN

Ein bisschen sieht er heute aus wie ein in die Jahre gekommener Hardrock-Kneipenbesitzer, den man gelegentlich auf einer Harley vorbeirauschen sehen könnte: Das runde, abgelebte Gesicht, die friedlich-müden Augen, die wasserstoffblonden Haare – an Andy Scott, Mitgründungsveteran der Glamrock-Kapelle The Sweet, sind die 44 Jahre Bühnenleben wahrlich nicht spurlos vorübergegangen. „Wer weiß, wie alles gekommen wäre“, spekuliert der Sweet-Gitarrist in einem Interview mit dem MDR aus dem Jahr 2013, was passiert wäre, hätte er sich nicht für die Musikerkarriere entschieden: „Vielleicht säße ich heute immer noch in einer Bank und würde dort arbeiten.“ Vorstellen kann man das sich wahrlich nicht: Scott als anzugtragender Berater für Kapitalanlagen, Baufinanzierung und Realinvestmentfonds.

Bevor The Sweet erstmals unter ihrem Bandnamen in den Charts Erwähnung fanden und mit „Funny Funny“ ihr erfolgreiches Debüt feierten, hießen sie „The Sweetshop“, gegründet 1968. Diverse Plattenaufnahmen datierten aus jenen Jahren, doch viel Anklang fanden Lieder wie „Lollipop Man“ oder „Slow Motion“ nicht beim britischen Publikum. Zu allem Überfluss existierte bereits eine andere Band mit dem Namen Sweetshop, so dass 1970 eine Umbennung in The Sweet erfolgte. Dass man sich fortan größere Resonanz und Plattenverkäufe versprechen konnte, lag vor allem an der Mitwirkung eines Mannes, der die Jungs um Brian Connolly, Steve Priest, Mike Tucker und Andy Scott ab 1970 mit neuem Sound ausstattete: Phil Wainman. Zwar war der Musikproduzent bereits für die Flopsingle „Slow Motion“ verantwortlich gewesen, doch nachdem The Sweet Wainman um Unterstützung baten und dieser das Songwriter-Duo Nicky Chinn und Mike Chapman mit ins Boot holte, lief es auf einmal hervorragend: „Funny Funny“ eroberte 1971 kurzerhand die englischen (Platz 13) und die deutschen Hitparaden (Platz 5). Gerade hierzulande verfiel man den fluffigen Popproduktionen, fast jede folgende Single war in Deutschland besser platziert als in Großbritannien.

Glampop – das war wohl die richtige Schublade für den Auftakterfolg „Funny Funny“. Während später die Gitarren ächzten und Connollys Gesang erhebliche Stimmbandreizungen mutmaßen ließen, klingt dieser Song ein wenig wie die späteren Bay City Rollers, eine harmlos-entspannte Lovesong-Midtempo-Nummer, die sich keine Extravaganzen leistet.

„And it’s so funny funny, what you do, honey, honey. What you do, what you mean to me. And you know, honey, honey, though it’s so funny funny. That you mean all the world to me.“ Der belanglose, aber äußerst relaxt daherkommende Ohrwurmpop in Dur, ließ das Potenzial erahnen, welches in The Sweet bald nach und nach zum Vorschein kommen sollte. Andy Scott, der 65jährige Rockerbär, zum Start der Bandlaufbahn: „Am Anfang deiner Karriere triffst Du Leute, von denen Du glaubst, dass sie schon ein paar erfolgreiche Songs geschrieben haben und sie Dir auch zum Erfolg verhelfen könnten, dann lässt Du sie machen. Und machst eben nicht das, was Du gern machen würdest. Zu der Zeit haben wir uns an den Gedanken geklammert: Später wird eh alles anders.“

Und so wurde es.

Aktuell: Übrig geblieben von der Band, die immer noch offiziell existiert, ist tatsächlich nur noch Andy Scott. Während die anderen aus dem Leben schieden (Connolly, Tucker) oder ausstiegen (Priest), schrammelt der Brite immer noch auf seiner Gitarre. Auch für 2019 sind viele Tourtermine in Vorbereitung.

Urteil: Sehr poppiges Debüt, äußerst einprägsam, aber noch ziemlich kantenlos und austauschbar. Dennoch nicht ohne dynamischer Ausstrahlung.

Jan

The Sweet – Funny Funny
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