Datum 1997
höchste Platzierung 5
Album Age Of Love
Website http://scootertechno.de/

TECHNO-„CROSSOVER“ IM NIEDRIGLOHNSEKTOR

Die Happy Hardcore-Fabrik funktioniert tadellos, Das vierte Album („Age Of Love“), die elfte Single, die üblichen H.P. Baxxter-Shouts. Aber immerhin, die Jahre 1996/1997 gehörten in der Scooter-Laufbahn durchaus zu den bemerkenswertesten. Mit „Break It Up“ wurden sie zu den Begründern des Genres „Techno-Ballade“, das Billy Idol-Cover „Rebel Yell“ wurde sogar von den chronisch feindlich gesinnten Kritikern wohlwollend aufgenommen und bei „Fire“ integrierten die drei Jungs – man höre und staune – echte Gitarrenriffs und verzichteten auf piepsigen Micky-Maus-Gesang. Dass macht zwar den Song auch nicht soviel erträglicher, deutet aber zumindest eine gewisse Innovationsbereitschaft an, die H.P., Rick und Ferris an den Tag gelegt haben.

Im Musikvideo richtet sich die Kamera aus der Deckenperspektive auf den wasserstoffblonden Jüngling, der mit seiner grell orangenen Jacke und der belustigend wirkenden Beschwörungsgeste auch das jüngste Mitglied einer diffusen Erleuchtersekte sein könnte. Dazu erklingen die bedrohlichen Worte, welche sich auch in billigen Motivationsratgebern wiederfinden könnten: „Switch off the lights, and close your eyes. Feel the energy inside. Chilli Bo… Chilli Bo… Chilli Bo… Fiiiiireeee!!!“ Mit funkenspritzenden Gitarren und beängstigenden Gebärden befeuern die drei Bandmitglieder die tobende Partymasse auf irgendeinem Hausdach, das irgendwelche furchtbar verzweifelt wirkenden Staatsschützer auf den Plan rufen und schließlich in eine „spektakuläre“ Verfolgungsjagd münden lassen.

Das waren Scooter, wie man sie kannte und ihre Fans sie liebten: Völlig sinnentleerte Performances, mit absurden Textbeiträgen und knallbunten Auftritten, die mit ihrem „Nasenbluten-Techno“ (Süddeutsche Zeitung) zum Spiegelbild für die Anspruchslosigkeit der deutschen Musikindustrie wurden. Aber zugleich war es eben auch eine gute Show, und so eine kreischende, in wummernde BPM gekleidete Rock-Absurdität wie „Fire“ funktionierte auch deswegen so gut, weil man einfach nur konsumieren, nicht nachdenken, ganz ordinär mithüpfen, und nicht darüber reflektieren musste.

Die Belohnung: Im Gleichschritt mit den Elektroheroen von Depeche Mode („It´s No Good“) in die Top 10 im April 1997 und eine direkte Punktlandung auf Platz 5. Nach den vielen Unkenrufen der letzten Jahre hatte sich das Projekt Scooter endgültig als zuverlässige Chartsabonnenten beweisen können – auch dank „Fire“, einem der wenigen Titel, die im Repertoire der Norddeutschen mit fast lobenswerter Kreativität aus der Reihe fielen. Ob man es gut fand oder nicht.

Aktuell (2019): Das 20jährige Jubiläum begingen die End-Vierziger mit der Wiederveröffentlichung all ihrer bisherigen Alben. Macht Sinn – die jüngsten Single-Veröffentlichungen waren allesamt kommerzielle Flops. Zum 25-Jährigen gab es eine Tour.

Urteil: Eine technoide Rock-Verulkung, die kaum über den musikalischen Niedriglohnsektor hinauskommt, der dennoch – angesichts des sonstigen Scooter-Universums – ein gewisser Crossover-Reiz innewohnt.

Jan

Scooter – Fire
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