Datum 1975
h├Âchste Platzierung 9
Album New Skin For The Old Cerenomy
Website http://www.leonardcohen.com/de

FOLK-POP DES BERUFSMELANCHOLIKERS

Mehr Schwermut ging nun wirklich nicht mehr: Mit seinem dritten Album „Songs Of Love And Hate“ (1971) versank der Kanadier aus der Millionenmetropole Montreal nun endg├╝ltig in selbstreferentielle Melancholie, in d├╝stere kryptische Abhandlungen ├╝ber zwischenmenschliche Grenzerfahrungen, dem Wesen der Dinge und Suizid (siehe „“Dress Rehearsal Rag“). Es war gewisserma├čen die d├╝stere Periode der Schaffensphase jenes begnadeten Songschreibers und Dichters Leonard Cohen, die ihn Mitte der 70er zugleich auch die besten Alben produzieren lie├čen. Der Nachfolger „New Skin For The Old Cerenomy“ brachte zwar deutlich mehr Instrumentierung und markantere Popnummern, aber wo „There Is A War“ vergleichsweise lebendig spr├╝henden Folk darbietet, wird schon wieder beim anschlie├čenden Lied „A Singer Must Die“ die pure Melancholie gefeiert. Allein Cohens sonore Stimme, die immer irgendwie klingt, als f├Ąnden die Aufnahmen in leergefegten verrauchten Eckkneipen und mit einer ordentlichen Dr├Âhnung kanadischen Roggenwhiskeys statt, verleiht den meisten seiner Songs eine dunkle getragene Wirkung.

Zu seinen bekanntesten, unz├Ąhlige Male gecoverten Songs geh├Âren „Halleluja“, „First We Take Manhatten“, „Bird On A Wire“ und „Suzanne“. Dass sich der dritte Track vom „Cerenomy“-Album zu jenen gro├čen Hymnen Cohens „hinzugesellen“ w├╝rde, basiert wohl eher auf einem gewaltigen Irrtum als auf dem brillanten Musikgeschmack der Deutschen, immerhin landete „Lover Lover Lover“ nur hierzulande in den Hitparaden und verbrachte jene eine Top 10-Woche im Januar 1975 irgendwie unpassend zwischen Michael Holm, Carl Douglas und Billy Swan. M├Âgliche Gr├╝nde: Erstens war der Song hinsichtlich seines recht poppigen Charakters eher eine Ausnahmeerscheinung auf dem Album, und zweitens wurde es allzu gern als Liebeslied interpretiert, welches es jedoch nicht ist: „Back in 1973 I had the opportunity to observe the grace and the bravery of many Israeli soldier at the front (…), in the Sahara desert and in the Suez. After I came back from that invigorating and depressing experience, I wrote this song called ‚Lover, lover, lover, lover, lover, lover…'“ (Quelle: www.leonardcohen-prologues.com). Die Ballade fasst im Wesentlichen jene Eindr├╝cke zusammen, die Cohen w├Ąhrend des sogenannten Jom-Kippur-Krieges im Rahmen des Nahost-Konfliktes bei israelischen Soldaten, die an der Front gegen die arabische Konf├Âderation k├Ąmpften, gesammelt hatte. So wird vor allem mit den letzten Versen die Hoffnung artikuliert, dass der „Geist dieses Liedes“ zu einem baldigen Frieden beitr├Ągt : „And may the spirit of this song, may it rise up pure and free. May it be a shield for you, a shield against the enemy.“

F├╝r die vielen echten Fans Leonard Cohens ist dieses St├╝ck kaum eine ernsthafte Erw├Ąhnung wert, daf├╝r f├╝llen inzwischen allzu viele andere gro├čartige Platten das Oeuvre des Musikers und Schriftstellers, andere Konsumenten konnten sich ansatzweise mit dessen Repertoire vertraut machen und zumindest gelegentlich mitreden, wenn der charismatische Berufsmelancholiker wieder mal ein neues Album herausbrachte, mit verschwurbelt formulierter Epik rund um gescheiterte Liebe, d├╝stere Seelen und was die Welt noch so an Br├╝chigem zu bieten hat. Keiner konnte und kann dies schlie├člich noch immer besser als er, Leonard Cohen…

Aktuell (2019):┬áLeonard Cohen starb am 7. November 2016 im Alter von 82 Jahren. Sein letztes Album: „You Want It Darker“.

Urteil: Cohens schw├Ąchster Hit unter den Hits, aber dank des markant larmoyanten Gesangs und der kompromisslosen Eing├Ąngigkeit, nicht zuletzt wegen des gewohnt anspruchsvollen Textes dennoch ein guter.

Jan

Leonard Cohen – Lover Lover Lover

3 Gedanken zu „Leonard Cohen – Lover Lover Lover

  • Manchmal ist es ganz gut, wenn man nicht weiss, was sich ein Songwriter beim Komponieren gedacht hat… Mir hat das Lied immer gefallen, aber ich habe es eher als spirituelle Klage verstanden – „I want a face that’s fair this time, I want a spirit that is calm“. Nun muss ich den Hintergrund, den Sie beschreiben, wieder vergessen – Gott in unsere menschlichen Kriege zu involvieren, halte ich einfach nur f├╝r widerw├Ąrtig.
    Trotzdem danke f├╝r die informativen Kritiken auf Ihrem Blog, ich werde wohl noch ├Âfters vorbeischauen.

    1. Tja, und manchmal ist es wohl auch ziemlich desillusionierend, was der K├╝nstler sp├Ąter ├╝ber die Idee seines Werks verbreitet… Dass er hier ├╝berhaupt Kriegserfahrungen thematisiert, war angesichts des Textes schon etwas ├╝berraschend. Vielen Dank f├╝rs Vorbeischauen:-)

  • Die Texte von Leonard Cohen sind voller Lyrik, was immer er sich auch dabei gedacht haben mag. Ich tippe, Bob Dylan h├Ątte es lieber gehabt, Leonard Cohen w├Ąre mit dem Nobelpreis f├╝r Literatur ausgezeichnet worden…

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