Datum 1967
höchste Platzierung 1
Album A Boy Called David
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VEGANES MINNESANG-GEDUDEL

Gebürtig in Liverpool? Knuffelgesicht zum Liebhaben? Glockenklares Stimmchen? Das muss ein Beatle sein! Ist es aber nicht. Der junge Mann mit Namen Philip Darryl Cole hat mit jener britischen Supergroup rein gar nichts zu tun, außer eben die Herkunft. Und eigentlich war ja auch keine Popkarriere geplant. Er genoss eine klassische Gesangsausbildung in einem englischen Konservatorium, sang zu Mozart und Beethoven und wäre in dem Genre auch sicherlich geblieben, hätte er sich nicht einst mit Freunden in der legendären Rock´n´Roll-Kaschemme „Cavern Club“ in London getroffen, wo er im Rahmen einer Wette auf die Bühne und zeitgenössische Pophits vortragen musste. Daraufhin probierte er sich im schnöden Unterhaltungsbusiness – und es klappte. Nach einem kleineren Erfolg mit „Lady Jane“ schaffte er mit „Mrs. Applebee“ einen lupenreinen Nr. 1-Hit in Deutschland.

Bei Frau Applebee handelt es sich um die Mutter von Marie, in die der trällernde Minnesänger augenscheinlich verliebt ist. Jedoch hat er sich in der Vergangenheit einiges zu Schulden kommen lassen, wenn man dem Text Glauben schenken darf: „Dear Mrs. Applebee, I know that I once made some bad mistakes, Mrs. Applebee. But that was long before I love Marie.“ Nun ist er jedoch geläutert und bittet Mama um Vergebung sowie die Chance, mit deren Tochter zusammenkommen zu dürfen: „And for Marie I’d even swim the sea, Mrs. Applebee, I’m begging you to please be kind I want a chance to change your mind about me, Mrs. Applebee.“

Welche Mutter wäre so hartherzig, dem Jüngling zu widerstehen, bei den durchdringenden Augen, dem ordentlich frisierten Kopfhaar und jenem erwähnten Trällergesang, der mit den Leistungsanforderungen britischer Musikhochschulen wohl nur noch wenig zu tun hat. Der Song selbst jedoch hat eine Potenz wie die dauerhafte Berieselung durch Alexander Kluge-Talksendungen spät nachts unter Einnahme hochdosierten Diazepams: einschläfernd. Zwar dudelt das Stückchen im Uptempo sehr balanciert durch die gerade einmal zwei Minuten, aber schwungvoll und anregend ist anders, hier wird vielleicht etwas gelangweilt mit dem Kopf genickt. Aber angesichts der nach „Mrs. Applebee“ folgenden, ziemlich haarsträubenden Kopien des Hits mit den Titeln „Please Mr. Moving Man“ und „Don´t Go Out Into The Rain“, der gescheiterten Versuche, hierzulande mit deutschen Aufnahmen punkten zu können und der letztlich grandios im Sande verlaufenden Karriere Ende der 60er müsste man wohl im Nachhinein feststellen: Vielleicht hätte Garrick seine Wette wohl besser gewinnen sollen.

In demselben Londoner Cavern Club übrigens traten fünf Jahre zuvor noch jene Kollegen auf, die es auch ohne alkoholgeschwängerte Wetten unter Freunden in die Musikannalen geschafft haben: die Beatles.

Aktuell (2019): David Garrick starb am 23. August 2013 im britischen Wirral, womöglich an den Folgen seiner Alkoholsucht. Sein Tod wurde in den Medien kaum thematisiert.

Urteil: Die Deutschen fuhren darauf ab, die Briten eher nicht (Platz 22). Letztlich zurecht, der Titel geht zügig auf die Nerven und präsentiert sich als vegane Dudelnummer, die arm an Kalorien und Charakter ist.

Jan

David Garrick – Dear Mrs. Applebee
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