Datum 1967
höchste Platzierung 10
Album Bee Gees‘ 1st
Website http://beegees.com/

ECHTER AVANTGARDEROCK MIT RAUEM CHARME

Aberfan im SĂĽden von Wales am 21. Oktober 1966, ca. 9:15 Uhr morgens. Tagelang hatte es heftige Niederschläge gegeben, nun dominierte ein dichter Nebel, oberhalb der Berge schien jedoch die Sonne. Es war ein Tag vor den Ferien, als die SchĂĽler allmählich die Aula verlieĂźen, nachdem sie gemeinsam „All Things Bright And Beautiful“ gesungen haben. In diesem Moment erklang ein ohrenbetäubendes Dröhnen, die Mauern der Schule erzitterten, und nur wenige Sekunden später wurde das komplette Gebäude von Steinen und Erde begraben: Die Kohleabraumhalde des Kohlebergwerks Nummer 7 war den Merthyr-Berg herabgerutscht und zerstörte auf ihrem Weg 20 Häuser, eine Farm sowie besagte Grundschule. Die Folgen waren verheerend: 144 Menschen starben, allein 116 von ihnen waren zwischen 7 und 10 Jahre alt. Dieses UnglĂĽck ging als eines der größten in die walisische Geschichte ein.

FĂĽr die BrĂĽder Barry und Robin Gibb aus Isle of Man bedeutete jene Katastrophe in gewisser Weise aber den Auftakt zu einer auĂźerordentlichen Weltkarriere. Die Bee Gees gab es bereits seit 1958, aber in Australien wollte der musikalische Durchbruch nicht so recht gelingen. Also beschloss die Familie Mitte der 60er Jahre nach GroĂźbritannien zu ziehen. Kurz nachdem sie mit dem Schiff aufgebrochen waren, erreichte sie die Nachricht, dass „Spicks And Specks“ die Spitze der australischen Charts erobert hatte. Sei´s drum, werden sich die Gibb-BrĂĽder gedacht haben und trafen kurz nach ihrer Ankunft den Musikproduzenten Robert Stigwood, der sie direkt unter Vertrag nahm. Nun ging alles plötzlich ganz schnell – und auch dank der UnterstĂĽtzung durch den Gitarristen Vice Melourney und den Schlagzeuger Colin Peterson gelang ihnen 1967 der erste Millionseller sowie Top 15-Erfolg in GroĂźbritannien, Deutschland und den USA.

Der Song war inspiriert von besagtem UnglĂĽck in Aberfan, bezog sich jedoch auf ein ähnliches Ereignis in New York einige Jahre zuvor. Zu der Idee kamen die Jungs laut Aussage von Maurice, als sie im Treppenaufgang ihrer Plattenfirma Polydor warteten und in ihnen das GefĂĽhl aufkam, sie befänden sich – auch angesichts des irritierenden Echos – in einer Mine. (Quelle) Und so kam es zu dem ungewöhnlichen Songtitel „New York Mining Desaster 1941“. Viele hätten wohl damals schwören können, es handle sich um eine Beatles-Single, und eine gewisse kompositorische Nähe zu den Fab Four ist auch heute nicht abzustreiten. Umso bewundernswerter ist – vor allem, wenn man die späten Werkveröffentlichungen berĂĽcksichtigt – die besondere  dĂĽstere Atmosphäre dieses Liedes. Tempowechsel, schlagartig hervorgehobene Instrumentenparts, die sĂĽffisanten Textzeilen („Have you seen my wife, Mr. Jones? Do you know what it’s like on the outside? Don’t go talking too loud, you’ll cause a landslide, Mr. Jones.“): Das waren nicht die Bee Gees der Disko- und Schmalzpopära. Das war echter Avantgarderock.

Und es war schlichtweg ein großer Wurf, der die herausragenden Songwriterqualitäten der Gibbs hervorhob und die Brüder zu den vielseitigsten Boygroups der späten 60er werden ließen.

Im Mai 2012 verstarb Robin Gibb nach einer Krebserkrankung, ein Comeback der Bee Gees war nun endgĂĽltig ausgeschlossen. Nur ein Monat zuvor eröffnete die britische Queen in Aberfan eine neue Grundschule, 46 Jahre nach dem UnglĂĽck – und dem kommerziellen Durchbruch der australischen Popband Bee Gees…

Aktuell: Von den drei BrĂĽdern lebt inzwischen nur noch einer: Barry Gibb wohnt in den USA.

Urteil: DĂĽsteres, zugleich fesselndes Bluesrock-Werk, das mit einem rauen Charme und einer gewissen Unangepasstheit eine neue Mischung aus Rock und Pop definiert.

Jan

Bee Gees – New York Mining Desaster 1941
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