Datum 1998
höchste Platzierung 1
Album Mein Tag
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QUALVOLLES GRÖNEMEYER-COVER

Noch immer ist Nataly auf der verzweifelten Suche nach ihm, doch Ricky ist nirgendwo zu finden. Erst als sie Kai begegnet, erfährt sie von Rickys Plan: Er will Berlin verlassen und per Anhalter nach Stuttgart reisen. Sie begibt sich umgehend zur Autobahn, von wo aus Ricky trampen möchte, versucht ihn, zum Bleiben zu überreden und offenbart in dramatischen Worten ihre innige Liebe zu ihm. Aber es ist zu spät: Ricky fährt davon und verschwindet für immer. Und Oliver Petszokat gleich mit – zumindest aus der Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und direkt in Richtung Gesangskarriere. In der Folge 1849 fiel der Vorhang für Ricky Marquart, von nun an übernahm Oli.P. Glühende weibliche Verehrer, hartgesottene Fans der täglichen RTL-Serie und Liebhaber trashiger Songproduktionen vereinigten sich nun, um dem ehemaligen Serienmitglied seine letzte Ehre zu erweisen: Einen donnernden Nummer 1-Hit in Deutschland.

Offenbar hatte Herbert Grönemeyer nicht vorausahnen können, was der 20jährige Berliner im Jahre 1998 mit dessen Meisterballade „Flugzeuge im Bauch“ – 1985 lediglich auf einem Platz 44 – anstellen würde: Einige Zeit später hatte Grönemeyer jedenfalls für sich beschlossen, seine Lieder nicht mehr für weitere Coverversionen freizugeben, schließlich hätte ihn die Oli.P-Variante „in den Ohren geschmerzt“, wenn er sie anhören musste. Aber da war es schon längst geschehen: 7 Wochen auf Platz 1, Platz 2 in der Jahresendabrechnung, einen Echo für den erfolgreichsten nationalen Song des Jahres. Die erbarmungslose Kastration deutschen Liedgutes hatte ihre Spuren hinterlassen. Ein Text-Vergleich fördert es noch umso stärker zutage: Bei Herbie vernehmen wir majestätisch aufbereitete Satzkreationen wie „Brauch‘ niemand, der mich quält, niemand, der mich zerdrückt. Niemand, der mich benutzt, wann er will. Niemand, der mit mir redet, nur aus Pflichtgefühl, der nur seine Eitelkeit an mir stillt.“ Das Produzenten-Duo um Marco Spürgin und Florian Fackler schmeißt uns dagegen verquollene Teenie-Tagebuchlyrik in die Gehörgänge: „Du machst auf Demi Moore, sprichst mit deinen Augen nur und was du versprichst, ist die wahre Liebe pur, ich hab‘ dir lange vertraut und deshalb nicht geglaubt, was die anderen sagen – mir nicht zu sagen wagen.“

Während Petszokats Rapkünste jeden Anhänger von Dynamite Deluxe oder Blumentopf die NY-Basecaps von den Köpfen fegen musste, rettete Tina Franks Gesangspart – trotz des auf fiese Art in einen behäbigen Schlagerrhythmus gezwängten Refrains – zumindest noch ein Mindestmaß an brauchbarer Gesangsqualität. Immerhin arbeitet sie ja heute hauptberuflich als Vocal Coach. Aber das war´s dann auch schon. Am Ende bleibt nur die Frage, ob Grönemeyer von schmierigen Cover-Interpreten wirklich verschont bleiben wird: Nach Loonas Ballermann-Auswurf „Mamboleo“ (ursprünglich „Mambo“) übernahm vor allem der Comedian-Prolet Ingo Appelt die standesgemäße Imitation von Grönemeyers Nuschelorgan. Aber er rappte wenigstens nicht…

Aktuell (2017): Tatöwiert, glatzköpfig, 5-Tage-Bart und Bodybuilder-Figur: Oli.P zeigt sich äußerlich kerniger denn je, sein bübisch-hinreißender Charme ist derselbe. 2016 kam sein letztes Album heraus: „Wie früher“.

Urteil: Die 90er zeigten bei Auswüchsen wie diesen ihre hässliche Fratze: grenzwertiger Sprechgesang meets niveauarme Lyrics. Von 8 Grönemeyer-Punkten werden deswegen 6 abgezogen. Einzig diese Unschuldsmimik und der treudoofe Trauerblick im Musikvideo verhindern das punktemäßige Nichts.

Jan

Oli.P – Flugzeuge im Bauch

4 Gedanken zu „Oli.P – Flugzeuge im Bauch

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