Datum 2004
höchste Platzierung 3
Album Naked Truth
Website http://jeanettebiedermann.de/

DURCHGESPÜLTE ROCK-HOOKLINE MIT KLEINMÄDCHENPOESIE

Das Jahr 2004 war fĂŒr die deutsche SĂ€ngerin und Schaupielerin Jeanette Biedermann aus kĂŒnstlerischer Sicht ein durchaus einschneidendes: Sie schied nach fĂŒnf Jahren aus der RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ aus, begleitete als Jurymitglied die finalen Runden von „Star Search“ und trat im Sat.1-Fernsehfilm „Liebe ohne RĂŒckfahrschein“ in einer Hauptrolle als Julia Behrendt auf. Und ganz nebenher produzierte sie ein lupenreines Weihnachtsalbum mit dem programmatischen Titel „Merry Christmas“. Die 23-JĂ€hrige legte wahrhaftig einen beeindruckenden Ehrgeiz an den Tag, um sich des Stigmas der mittelmĂ€ĂŸig begabten, wenngleich bestechend gut aussehenden Soap-Biene zu entkleiden.

Auch popmusikalisch machte sich nun allmĂ€hlich ein Reifeprozess bemerkbar, der den drögen BRAVO-Plastinaten-Pop ihrer Anfangszeit („Go Back“, „How It’s Got To Be“) nunmehr etwas in Vergessenheit geraten ließ. Stattdessen inszenierte sich die einstige Friseurazubinen-Abbrecherin vornehmlich als durchgestylte Schaufensterpuppenvariante einer Alannah Myles, mit ziemlich aufgesetzter RockerinnenattitĂŒde. Jedoch – es passte irgendwie. Im Hintergrund arbeitete schließlich schon seit Anfangstagen ein ĂŒberaus ehrgeiziges Fleißbienchen fĂŒr Jeanette und sorgte dafĂŒr, dass die Berlinerin sich zuverlĂ€ssig in den oberen Chartsregionen halten konnte: Kristina Bach.

Die Musikproduzentin und Songschreiberin hatte bis 1995 Michelle betreut, seit 2000 verpasste sie den Songs von Jeanette den nötigen Feinschliff. Bach leistete auch bei deren inzwischen 10.(!) Top 10-Hit ganze Arbeit: „Run With Me“ protzt nur so vor quietschenden Gitarrenriffs, prĂ€sentiert sich jedoch ansonsten als ĂŒberwĂ€ltigend simpel strukturierter Poprocksong, der sich einer Ă€hnlichen Rezeptur bedient wie der zwei Jahre zuvor veröffentlichte Gassenhauer „Rock My Life“. So trifft auch bei „Run With Me“ bemĂŒht kraftvoll vorgetragene KleinmĂ€dchen-Rebellionspoesie auf eine durchgespĂŒlte Hookline ohne den geringsten Schnörkel. „Damn now – run with me. Leave it all behind. Damn now – run with me. Bang your head tonight.“ Aber es klingt halt gut.

Mit dem Song wurde nicht nur ein ĂŒberaus ordentlicher Platz 3 in den deutschen Charts erzielt – die stilmĂ€ĂŸig Ă€quivalenten Kompositionen „Rock My Life“ und „Rockin‘  On Heaven’s Floor“ erreichten ebenfalls diese Höchstplatzierung -, sondern zugleich auch noch erfolgreich das Computerspiel „Die Sims 2“ promotet, wie unschwer im Musikvideo zu sehen ist. Als wĂ€re sie mit ihren vielen medialen AktivitĂ€ten nicht schon genug ausgelastet, bekannte sie sich als Fan der PS2- und XBox-Reihe und ließ sich von EA Games als Werbefigur fĂŒr den Spielehersteller anheuern. Die Presse zitierte sie: „Seit dem Erscheinen der Sims im Jahr 2000 bin ich von dieser virtuellen Welt fasziniert.“ (Quelle: Shortnews)

Keine Frage, das Jahr 2004 war sowohl in der realen Welt wie auch in der virtuellen ein ĂŒberaus erfolgreiches fĂŒr Jeanette Biedermann. Auch wenn ihre Musik in jenem Jahr zuweilen so klang, als hĂ€tte man sie von den Sims persönlich zusammenmixen lassen…

Aktuell: Mit der vor einigen Jahren gegrĂŒndeten Band Ewig entsagte sie (vorerst endgĂŒltig) den so ĂŒberaus verkaufstrĂ€chtigen Solopfaden. Zuletzt war sie bei „Sing meinen Song“ aktiv und ihr letzter Song heißt „In den 90ern“.

Urteil: Jeanettes zuweilen arg beschrĂ€nkte Stimmgewalt nutzt sich weitestgehend an dem keineswegs undynamischen Arrangement ab, darĂŒber hinaus ist „Run With Me“ variationsarmer Durchschnittspoprock. Bachs Talent fĂŒr purste EingĂ€ngigkeit wird eindrucksvoll demonstriert.

Jan

Jeanette – Run With Me

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