GALLERTARTIGES BALLADENPOPGEBLUBBER

Samstag, 8. MĂ€rz 2003, RTL, am spĂ€ten Abend. 15 Millionen Zuschauer saßen gebannt vor den Fernsehern und schauen fasziniert dabei zu, wie ein Ă€lterer Herr mit zerknittertem Gesicht und schĂŒtterem Haar, hĂŒftsteif wie ein Steuerfachangestellter der Stadt Oldenburg, die BĂŒhne betrat, einen goldenen Umschlag ĂŒberreichte und mit mildem LĂ€cheln von dannen schritt. EmpfĂ€nger jenes bedeutungsschweren Umschlages war Moderator Carsten Spengemann, der gemeinsam mit Michelle Hunziker die erste Finalshow in der „Deutschland-sucht-den-Superstar“-Geschichte moderierte. WĂ€hrend „Schattenauge“ („Der Spiegel“) Spengemann mit staatstragender Miene zunĂ€chst einen Blick in den Umschlag warf und diesen schließlich an die Kollegin Hunziker weiterreichte, zitterten sich die beiden eigentlichen Protagonisten im Angesicht einer gierigen Kamera-Armada vor ihnen die SchweißbĂ€che aus den Körpern. Nach Robbie Williams mit „She’s The One“ und Michael Sembellos „Maniac“ performten beide, Schoppmann und Klaws, nun Bohlens ersten DSDS-Siegertitel „Take Me Tonight“. GefĂŒhlt mehrere Werbeunterbrechungen, Anrufaufforderungen und plattfĂŒĂŸig-ungelenke Zwischenmoderationen Spengemanns spĂ€ter fiel endlich die Entscheidung aus dem Munde Hunzikers: „Der deutsche Superstar ist… Alexander.“

Datum 2003
Platzierung 1
Album Take Your Chance
Website www.alexanderklaws.com/

Kreischen, LĂ€rm, Ekstase, Feuerwerk, „du bist der deutsche Superstar“ bestĂ€tigte die Moderatorin im Feuerwehr-roten Kleid erneut – und dann war er da, eben jener Gewinner der grĂ¶ĂŸten Castingshow der gesamten Erdhalbkugel, mit mehr als 70 % der Anrufer.Kandidatin Nummer 1 war Juliette Schoppmann, eine gelegentlich unangenehm kratzbĂŒrstige Karrierecinderella aus Stade, 22 Jahre alt, die gewohntes Dramakino ablieferte mit Mariah Careys „Through The Rain“ und „It’s Raining Men“ von den Weather Girls. Kandidat Nummer 2, Alexander Klaws, holte hingegen mit SchwiegersohnlĂ€cheln und Ministranten-ZĂŒchtigkeit das gesamte weibliche Publikum vor den Bildschirmen ab und wurstelte sich durch die neun bisherigen Mottoshows. WĂ€hrend Daniel KĂŒblböck Zuschauer und Jury (Bohlen, Bug, Fraser und Stein) mit seiner extrovertierten Schrulligkeit bis an die Schmerzgrenze maltrĂ€tierte und tĂ€glich die BILD-Schlagzeilen beherrschte, prĂ€sentierte sich der 20jĂ€hrige Ahlener Klaws mit Gelfrisur und Starschnittposter-Körper als die 2.0-Variante eines Heintje, der GroßmĂŒtter und Realschulabsolventinnen gleichermaßen zum Dahinschmelzen brachte.

Von Null auf Eins schoss Klaws wenige Wochen spĂ€ter, Ende MĂ€rz, in die deutschen Charts. Drei Wochen, nur kurz unterbrochen vom Drittplatzierten Daniel KĂŒblböck, verblieb er an der Spitze mit dem triefig-gallertartigen Balladenpopgeblubber „Take Me Tonight“, einer Ausgeburt Bohlenscher Harmoniearithmetik, die keinen einzigen Taktschlag Einfallsreichtum vorsieht. Dabei war der SchĂŒtzling des Poptitanen nicht einmal besonders unsympathisch, er verteidigte hinsichtlich seines Charmes lediglich eine Vielfalt von Nuancen des Egalen und Drögen.

SpĂ€ter gelangen dem 19-JĂ€hrigen DSDS-König weitere Nummer-1-Hits gleicher Bauart. Noch wĂ€hrend „Behind The Sun“ Ende 2003 die Chartsspitze erreichte, lief bereits die 2. Staffel der RTL-Castingshow – und eine gewisse Elli Erl machte sich auf den Weg zum Thron…

Aktuell: Als Musicaldarsteller macht Klaws weiterhin eine sehr gute Figur. So tritt er 2019 u.a. als Winnetou bei den Karl-May-Festspielen auf. Und es gibt sogar ein neues Album: „Auf die PlĂ€tze, fertig, los!“

Urteil: Schnöde kautschuklahme Beliebigproduktion, die glockenklares Stimmchen und Dudelmelodie zu einer leidenschaftslosen Popballade vereint. FĂŒr einen Siegersong zu blutleer.

Jan

 

Alexander – Take Me Tonight

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