Datum 1996
höchste Platzierung 3
Album Dreamland
Website http://www.saltrecords.com/

SCHWEIZER DREAM MUSIC WIEDERGEKÄUT

Es war einmal ein Musiker, der in der Schweiz geboren wurde und später seine Kindheit in der italienischen Gemeinde Fagagna verbrachte. Fagagna liegt in der Provinz Udine und hat wahrlich nicht viel zu bieten: einen riesigen Vogelpark, ein paar Burgüberbleibsel und die Bar Cadore in der Via Umberto I., in der man sich die idyllische Trostlosigkeit tapfer wegtrinken konnte. Doch dafür war der kleine Roberto noch zu jung, und so blieb dem Jungen nichts anderes übrig, als sich nach der Schule in den heimischen Räumlichkeiten die Zeit zu vertreiben. Besonders angetan hatte ihn das große Klavier seiner Eltern. Fortan setzte er sich regelmäßig an das Instrument, lernte fleißig wichtige Klavierstücke wie Chopins Berceuse op. 57, Beethovens Adagio Cantabile und Schumanns Träumerei (nicht überliefert) und rührte damit bald die ganze Familie zu Tränen.

Als der kleine Roberto schließlich zu einem großen Roberto reifte und kurz vor seinem 28. Geburtstag stand, wusste er, warum sich die ganzen Mühen gelohnt hatten. Schließlich hatte die ganze Welt Monate lang zu seinem Dreamhouse-Geniestreich „Children“ die Tanzbeine geschwungen und nach weiteren solchen minimalistischen Pianohymnen-Ergüssen dieses Stils gelechzt. Und der Roberto, der inzwischen ja kein kleiner Roberto mehr war, als er in seinem Kinderzimmer auf zwei Drehtellern italienische Hörspiele wie „Una Zebra a pois“ oder Tanti auguri“ kaputtgescratcht hatte (auch nicht überliefert!), war pfiffig genug, um an diesem gewaltigen Erfolg direkt anzuknüpfen. 1996 also, als die Dream House-Welle (Roberto wollte in einem Interview mit Radio Waves seine Werke eher als Dream Music bezeichnet wissen) ihren Anfang nahm, veröffentlichte er gleich das nächste Dancefloor-Wunder in jenem revolutionärem Stil: „Fable“.

So schuf er aus den Ingredienzen, die bereits bei „Children“ zum Einsatz kamen, einen weiteren unvergleichlichen Knaller. Mit den gleichen Pianoelementen, den gleichen synthetischen Streichern, der gleichen abgedroschenen Offbeat-Bassline. Die Welt nahm dieses wiedergekäute Konzept dankbar an und fegte das Instrumentalliedchen ebenfalls in die Hitparaden: Platz 1 in Italien, Platz 2 in Finnland, Platz 3 in Deutschland und Platz 3 in der Schweiz. Roberto hätte so glücklich sein können, doch im Hinblick auf das dröge Musikvideo im Lynch-Gewand mit Simultanschwimmerinnen-Choreographien musste er eine herbe Enttäuschung hinnehmen: Während er an den Produktionen zu den Videos von „Children“ und „One And One“ unmittelbar beteiligt war, durfte er bei „Fable“ selber nicht mitmachen – „und das Resultat gefällt mir überhaupt nicht“, wie der Schweizer später, ebenfalls gegenüber Radio Waves, äußerte.

Auf VIVA und MTV lief der Clip trotzdem in Heavy Rotation. Und „Dream Music“ war so gefragt wie nie. Dank eines einzigen Klaviers im Elternhaus Concina irgendwo in Fagagna…

Aktuell: Als Produzent tritt Miles noch öfter in Erscheinung, mit der „Hypnotronik“-Reihe konzentriert sich der Schweizer DJ vor allem auf Electro-House.

Urteil: Der Innovationseffekt ebbte nach „Children“ enorm ab, der Nachfolger offenbart sich als wenig mitreißende Kopie des Erstlingswerks: maue Melodie, geringe Ohrwurmprägnanz. 4 von 10 Punkten

Jan

Robert Miles – Fable
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