Datum 1962
höchste Platzierung 1
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PSEUDO-KRAUS UND PSEUDO-MAUS

Gelber Sombrero, weiße Hosen, ein weißer Poncho und ein rotes Halstuch, das ist – „heute wieder, frech und froh, die schnellste Maus von Mexiko! Speedy Gonzales!“ Und jetzt alle: „So schnell ist keiner irgendwo, Speedy-bi, Speedy-bo, von Nogales bis Madero, die schnellste Maus von Mexico!“ Alle jüngeren, die beim Googlen auf Partybands, Motorrad-Fanclubs und mexikanische Restaurants in der Wiener Neustadt stoßen sollten, denen sei gesagt: Diese Maus ist mindestens genauso berühmt wie die artverwandten TV-Helden Micky, Stuart Little, Feivel, Itchy, Jerry sowie Bernard und Bianca. Nur ist sie um ein Vielfaches schneller als die Kollegen, und deshalb: „Er wird nicht seines Lebens froh, Speedy-bi, Speedy-bo, zuguterletzt siegt sowieso, die schnellste Maus von Mexico!“

 

Was der kleine Held aus den „Warner Cartoons“ mit Rex Gildo zu tun hat? Das darf man den flinken Flitzer, der sich stets mit dem fressbegierigen Kater Sylvester oder der Ente Daffy Duck anlegte, nun wirklich nicht fragen. Dieses seltsame Prozedere der Plattenfirmen besonders Anfang der 60er Jahre, der des Englischen offenbar durchgängig nicht mächtigen Bevölkerung mehr oder weniger wortgetreue Übersetzungen der Original-Hits anzudrehen, kann auch eine mehr als 100 km/h schnelle Zeichentrickmaus nicht beantworten. 1962 war es jedenfalls eine ordentliche Punktlandung für den Schmachtfetzenexperten und „Bravo Otto“-König der 60er Jahre Rex Gildo, der zeitgleich mit Pat Boones „Original“ (welches wiederum auch nur ein Cover des gerade einmal ein Jahr zuvor erschienenen Songs von David Dante ist) in der Hitparade und schließlich auf Platz 1 der deutschen Charts landete. Und dass in diesen Liedern unser cleverer Gonzales eigentlich nur den Namen hinhält, selbst aber streng genommen gar nicht das Thema ist, würde unserer Cartoongestalt wohl auch sehr unverständlich vorkommen, und deshalb: „Vom Schniebelschnabel bis zum Po, Speedy-bi, Speedy-bo, verschafft ihm Ärgernis en gros, die schnellste Maus von Mexico!“

Bei Gildo heißt es hingegen häufig „laaaaa lalalalalalalala laaaa“ (das, wie es zu Anfang des Titels heißt, „klagende Weinen eines jungen Mädchens“) und zwischendurch „Denn ungefähr seit gestern Abend, da flüstert jeder in der Stadt, das eine schöne Señorita dein wildes Herz verzaubert hat.“ Das muss man nicht verstehen, aber das verdächtig nach Peter Kraus klingende Pop-/Rockstückchen mit den albernen Zwischeneinlagen der vermeintlichen Maus konnte auch so bahnbrechende Verkauferfolge feiern. Mit „Maddalena“ versuchte sich der gebürtige Straubinger an nahezu demselben Stil, bevor er sich danach ab „Zwei blaue Vergissmeinnicht“ (1963) seiner eigentlichen Stärke, zutiefst schmalztriefenden Balladen, zuwandte.

Bleibt die Frage: Wer braucht die deutsche Übersetzung, wenn er das Original-Lied haben kann? Und wer braucht überhaupt solche Lieder, wenn man Freundschaft mit eines der witzigsten Cartoonfiguren der 50er Jahre schließen kann? Und nochmal alle: „Speedy-bi, Speedy-bo, immer wieder frech und froh. Speedy-bi, Speedy-bo, die schnellste Maus von Mexico!“

Aktuell: Rex Gildo starb 1999 an Suizid, Speedy Gonzales bereits 1968 mit der Ausstrahlung der letzten Folge der Zeichentrickserie in den USA.

Urteil: Im Original ist „Speedy Gonzales“ schon reichlich schwer zu ertragen, kaum besser ergeht es einen mit Rex Gildos Kopie, das vor allem aufgrund der grässlichen Einwürfe des Pseudo-Gonzales nur wenig erheitern kann.

Jan

Und hier noch für Fans der Serie:

Rex Gildo – Speedy Gonzales
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