Datum 2005
höchste Platzierung 1
Album Mi Sangre
Website http://splash.juanes.net/

LATIN-SOMMERHIT MIT SCHLECHTEM KARMA

Dieser umwerfende Charme, der süße Antonio Banderas-Blick und nicht zuletzt sein spezieller Gesang – die Zeit war reif, die Metalkarriere mit den Jungs von Ekhymosis an den Nagel zu hängen und sich einer umfangreichen Solokarriere zu widmen. Und die Erfolge sollten sich ab 2002 schnell einstellen: Für jedes Album – „Fijate Bien“, „Un Dia Normal“ und natürlich „Mi Sangre“ – kassierte der kolumbianische Sänger und Songschreiber Juan Esteban Aristizábal Vázquez alias Juanes einen Grammy Latin Award. Die Amerikaner waren ganz hingerissen von dem kraftvollen und rhythmischen Latinrock, den der Barde mit der füllig-langen Haarpracht an den Tag legte. 2005 erfolgte der internationale Durchbruch: „La Camisa Negra“ eroberte weltweit die Charts. Schade nur, dass der Erfolg dieses Titels nicht gerade unter einem guten Stern stand.

„Das scharze Hemd“ (so der übersetzte Titel) symbolisiert im Hinblick auf die Lyrics nicht mehr als die Oberbekleidung eines Trauer tragenden Betrogenen und Verlassenen, der sich durch den Weggang seiner Ex-Geliebten mit großem Schmerz und tiefer Wut konfrontiert sieht. In Italien jedoch erkannte man zu jenem Zeitpunkt weniger die tragische Geschichte einer gescheiterten Romanze als vielmehr – ausgehend vom erwähnten Symbol – den eindeutigen Hinweis auf eine subtile politische Botschaft: So hoben radikale Gruppierungen zu „La Camisa Negra“ in diversen Nachtclubs gerne mal den rechten Arm und erkannten in dem Songtitel einen Hinweis auf jene schwarze Uniformen, welche die paramilitärischen faschistischen Anhänger Benito Mussolinis zu tragen pflegten. Angesichts dieser Tragweite sah sich Juanes genötigt, in Interviews darauf hinzuweisen, dass sein Song nun wirklich nichts dergleichen zur Sprache bringen wollte. Aber es sollte trotzdem nicht besser laufen für ihn und diesen Überhit, der es in Deutschland, Schweiz und Österreich gleichermaßen auf Platz 1 schaffte: In der Dominikanischen Republik verweigerte man aufgrund der sexuellen Anzüglichkeiten den Radioeinsatz und in Miami wurden seine CDs sowie symbolisch schwarze Hemden vernichtet, weil Juanes es zuvor wagte, in Kuba für Frieden einzutreten. Seltsam, das alles.

Dabei hat es der Song nun wirklich nicht verdient, mit derartigen Randnotizen unnötig beschmutzt zu werden: Rhythmusgitarre, eingängige Melodie, viel lateinamerikanischer Kitsch – das funktioniert prächtig. Unmittelbar hervorgerufene körperliche Zuckungen, wie sie im Musikvideo sich wellenartig ausbreiten, sind nahezu unvermeidbar. Kurzum: ein verdienter Sommerhit 2005. Zum Träumen und im Reisebüro in unserer Nähe die nächste Reise nach Kolumbien buchend. Geht doch auch ganz unpolitisch – es ist nur ein Song…

Aktuell: Zuletzt kam Juanes mit seinem neuen Album „Loco De Amor“ um die Ecke. Die großen kommerziellen Erfolge liegen hinter ihm, doch seine Fans halten dem Kolumbianer die Treue.

Urteil: „La Camisa Negra“ bietet Latinpop, schnörkellos und einfach, mit viel Gefühl und Herz. Kurzum: ein Trennungslied, das gut unterhält und zum Tanzen auffordert.

Jan

Juanes – La Camisa Negra
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