Datum 2008
höchste Platzierung 6
Album Jazz ist anders
Website http://www.bademeister.com

VERHALTEN BISSIGER JUGENDCLUB-KRACHER

Durchgefallen (laut.de), durchschnittlich (plattentests.de) und durchaus gelungen (cdstarts.de) – der Pizzakarton, den die Ärzte 2007 als ihr elftes Studioalbum „Jazz ist anders“ auf den Markt schmissen, rief gemischte Reaktionen hervor. Zugleich waren auch die Single-Auskopplungen von insgesamt durchwachsener Qualität: Dem herrlich-krachenden „Junge“ folgte das eher gelangweilt wirkende „Lied vom Scheitern“, und nun eben die poppige Spießer-Anklage „Lasse redn“.

Das größte Problem der Ärzte ist vor allem das würdige Erwachsenwerden – und die nahezu unmögliche Befriedigung verschiedener Interessen: Einer insgesamt sehr treuen Fan-Community, die noch immer regelmäßig dem jugendlichen Charme von Farin, Rod und Bela verfallen und ihre jüngsten Werke stets an deren wildem Anarcho-Punk der 80er messen, steht jene skeptische Kritikergemeinde entgegen, die bei jedem neuen Album irgendwas Innovatives und zugleich Gereiftes seitens der Band erwarten. Aber wohin will man als Funpunker, wenn man inzwischen Mitte 40 ist und sämtliche Skandalthemen („Claudia hat ´nen Schäferhund“, „Geschwisterliebe“ etc.), gesellschaftliche Stellungnahmen („Schrei nach Liebe“) und massenkompatible Partyhits („Ein Schwein namens Männer“) abgearbeitet hat? Richtig, genau bei solchen Nummern wie eben „Lasse redn“, die praktischerweise alle drei Komponenten vereint: Ein bisschen Skandal („Antenne Bayern“ hat aufgrund der Nähe zum Axel-Springer-Verlag die Passage mit der BILD-Zeitung zwischenzeitlich ausgeblendet), ein kleiner sarkastischer Seitenhieb auf Kleinbürgertum und Unangepasstheit sowie jede Menge Diskotauglichkeit, dank eines klar konstruierten Beats, überschaubarer Akkorde und dem rhythmischen Gesang Farin Urlaubs.

Der Text bietet in Sachen Originalität und Bissigkeit jedoch wenig Einfallsreiches: „Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu. Die meisten Leute haben ja nichts Besseres zu tun. Lass die Leute reden bei Tag und auch bei Nacht. Lass die Leute reden, das ham die immer schon gemacht.“ Das liest sich ein wenig wie die Kreisliga des Poetry-Slams, oder allenfalls wie ein Motivationsmanifest aus dem „Readers Digest“. Retten kann der Song noch eben jene zentrale Passage, die da lautet: „Lass die Leute reden und lächle einfach mild, die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD. Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht, aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!“ Und das angenehm reduzierte Musikvideo, in dem Martin Klempnow (bekannt aus „Switch Reloaded“) die Lyrics pantomimisch begleitet.

„Ich wollte nur mal sagen das ihr nun 3 Generationen meiner familie mit eurer musik begeistert“, schrieb ein User ins Gästebuch auf der Ärzte-Website. Das muss erstmal jemand nachmachen. Und für alle anderen gilt: Lasse redn…

Aktuell (2017): 2017 geht die Band auf Tour – als Buch, genauer, die offizielle Biografie der Ärzte, geschrieben von Stefan Üblacker. Seit der Live-CD „Nacht der Dämonen“ (2013) pausieren die Berliner.

Urteil: Gehört zum Besseren auf „Jazz ist anders“: furchtbar eingängig, milde humorig, im Wesentlichen ein typisches Ärzte-Stück, das mühelos den Weg auf die Playlist des örtlichen Jugendclubs bewältigt.

Jan

 

Die Ärzte – Lasse redn
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