Datum 1976
höchste Platzierung 10
Album Willst du mit mir schlafen gehn?
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SCHLÜPFRIG GERATENES FRANK-FARIAN-ALLERLEI

„Möchtest mit mir sein wenn der neue Tag beginnt. Huhu! Und wenn wir trotz alledem noch gar nicht mĂŒde sind. Oh Baby, tu es! Mir ist danach zu Mut!“ Und das sollte nun derart skandalös und unzĂŒchtig sein, dass sich zahlreiche Radiostationen Mitte der 70er Jahre veranlasst sahen, die Wiedergabe des Songs zu verweigern? Die mutmaßliche Unterstellung, es handle sich beim Text um eine offensichtliche Aufforderung zum Geschlechtsverkehr, entbehrt schließlich jeglicher Grundlage. Genauso gut könnte die Österreicherin Gisela Wuchinger mit dem unzweifelhaft an einen Mann gerichteten Imperativ „TuÂŽ es!“ auch vieles andere gemeint haben – den Wunsch nach der Zubereitung eines MeeresfrĂŒchtesalats, die Bitte, das Formular zur Beantragung eines Wohnberechtigungsscheins beim zustĂ€ndigen Bezirksamt einzureichen oder den nachdrĂŒcklichen Befehl, eine neue Packung Waschmittel zu besorgen. Wer sich allerdings schon mal intensiver mit der Werksammlung Frank Farians auseinandergesetzt hat, wird kaum annehmen, dass bei ihm jemals Speisenzubereitung, Behördenangelegenheiten oder Haushaltspflichten thematisiert wurden.

Also ging es bei Gilla, jener Linzer Farian-Muse, die sich mit betont rot geschminkten Lippen und riesiger dunkler Haarpracht prĂ€sentierte, natĂŒrlich und vor allem um Sex. FĂŒr subversive Prosa und Zwischen-den-Zeilen-Aussagen war man beim Boney M.- und Milli Vanilli-Erfinder Farian eh stets an der falschen Adresse, und so landeten urige Titel wie „Willst du mit mir schlafen gehn“, „Ich brenne“ und „Zieh mich aus“ fortan in Gillas Liederkatalog. Dazu kamen die typischen Elemente, die bei „TuÂŽ es!“ beispielhaft vorgefĂŒhrt wurden: 70er-Jahre Disco-Getrabe Ă  la Eruption, tiefes MĂ€nnergebrummel mit dĂ€mlichem Text Ă  la Boney M. und nicht zuletzt ein mittelmĂ€ĂŸiger Gesang, den man auf dem Niveau sicher auch schon von mancher Laieninterpretin zum Auftakt des Herzberger FrĂŒhlingsfestes vernommen haben dĂŒrfte. Aber selbst hier dĂŒrfte man sich mit Kalauerzeilen wie „Gib mir das GefĂŒhl, ich hĂ€tte nie vorher geliebt. Und lass mich vergessen, dass es auch noch andere gibt“ kaum die BlĂ¶ĂŸe geben wollen.

Als klar wurde, dass sich Gilla nicht in die aufkommende Periode der Neuen Deutschen Welle wĂŒrde hinĂŒberretten können und zugleich ihre Tochter Nadja das Licht der Welt erblickte, zog sie sich weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurĂŒck. Vielleicht hat sie aber auch, wie Frank Laufenberg („Hit Lexikon“, Berlin 2007) vermutete, ihr Musikstudium beendet und sich anspruchsvolleren Produktionen gewidmet. Schwer genug dĂŒrfte es fĂŒr sie gewesen sein: Ihr Mann ist Helmut Rulofs, Produzent und Musiker – und zugleich ehemaliger langjĂ€hriger Mitarbeiter von? Richtig, Frank Farian…

Aktuell: Nach Gilla kam das Projekt Vanilla, und dann folgten nur noch vereinzelte Auftritte in Nostalgie-Shows.

Urteil: Typische Farian-Produktion: Ein bisschen schlĂŒpfrig, ziemlich gewöhnlich, extrem unoriginell. 3 von 10 Punkten fĂŒr ein verblĂŒhtes 70er-Jahre-Sternchen

Jan

Gilla – Tu‘ es!

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