Datum 2012
höchste Platzierung 2
Album Gespaltene Persönlichkeit
Website http://www.xavas.de

SCHWÜLSTIGE AUFBAULYRIK

Was für viele auf den ersten Blick wirkte, als wären hier erstmals zwei Musiker zusammengekommen, die sonst so verschieden seien wie vielleicht noch Alice Cooper und Michael Bublé, war beim genauerem Hinsehen eher wenig überraschend: Kool Savas und Xavier Naidoo, die sich hinter dem Akronym Xavas verbergen, kannten sich schon seit einiger Zeit, bereits 2005 war Naidoo auf dem Savas-Album „One“ als Gastsänger vertreten. Dass der selbsternannte „King of Rap“ und der Mannheimer Soul-Spezi für ein komplettes Album zusammenarbeiten würden, sorgte insofern bei den meisten Hip Hop-Anhängern für eher weniger Verwunderung. „Gespaltene Persönlichkeit“ landete ohne Mühe auf Platz 1 der Album-, die erste Auskopplung „Schau nicht mehr zurück“ auf Platz 2 der Single-Charts.

Folgt man dem Homepage-eigenen PR-Text, ließe sich einerseits sagen: „Direkt, druckvoll und kritisch zünden XAVAS ein Feuerwerk von Beats, Hooks und Reimketten in First Class Manier.“ (Quelle: Website) Man könnte aber auch andere Worte finden: In schwülstig getragenem Soundkleid kollaborieren hier Pater Soulgott und Rapper Biedermann zu glattgebürsteten Pathosversen, die sich irgendwo zwischen simpler Lebensberatung und dekadenter Aufbaulyrik bewegen. Es fällt nicht ganz leicht, zwischen diesen beiden Positionen hin- und her zu balancieren. „Rap is my life und jeder Vers ein Satz im Tagebuch, jede dieser Melodien Heilung pur, du sparst dir nen Arztbesuch. Tod gewordener Wagemut, Tonnen von Bars, bis jeder sagt: wir haben genug!“ Harmlos.

Gerade bei Kool Savas, der noch bis zum Anfang seiner Mainstream-Karriere (siehe das Album: „Der beste Tag meines Lebens“) zu den interessantesten Figuren der deutschen Rap-Kultur gehört hatte, merkt man allzu stark, wie unvereinbar eigentlich sein schmutzig-proletischer Sprechgesangsstil mit den harmoniedurchtränkten Liebe-dich-selbst-Gedichten ist. Da haben die Jungs von Kollegah und Farid Bang zweifelsfrei mehr Gangsterkultur anzubieten. Hier hätten ein paar fundierte Stellungnahmen zu den Abgründen unserer politischen Führung deutlich besser getan, stattdessen jedoch feiern sich Xavas im zugehörigen Musikvideo, inmitten der eindrucksvollen Landschaft des Großglockners und mit ihren PS-starken Kombischlitten, als musikalische Weggefährten ehemaliger Eurorap-„Giganten“ wie Nana oder Pappa Bear, inhaltlich eher irrelevant. Zwar finden sich auf „Gespaltene Prsönlichkeit“ auch einige Stücke, die durchaus mehr Relevanz für sich einfordern (und damit ist nicht das missglückte Provo-Stück „Wo sind sie jetzt“ gemeint, das als Hidden Track den Ritualmord glorifiziert), am Ende aber bleiben Weichspülkonzentrate wie „Schau nicht mehr zurück“ im Gedächtnis. Eine verpasste Chance, der Hip Hop-Kultur hierzulande neue Impulse zu setzen. Also, weitermachen, Fard, Kollegah, Prinz Pi & Co.!

Aktuell: 2013 waren Xavas auf vielen Bühnen unterwegs, für „Schau nicht mehr zurück“ wurden sie übrigens für den Echo in der Kategorie „Bestes Video National“ nominiert. Österreich ist ja auch schön.

Urteil: Zwiespältig. Eine „druckvolle“ Ballade mit einfühlsam glitzerndem Refrain einerseits, ein theatralisch geratenes Stück gerappt-gesungener Belanglosigkeit andererseits.

Jan

Xavas – Schau nicht mehr zurück
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