Datum 1998
höchste Platzierung 9
Album Boyz In Da House
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EURORAP ALS BOYGROUP-VERSCHNITT

Konstanzer Straße 30? Oder Dorfstraße 30? Oder Libellenstraße 9? Irgendwo in Berlin, vielleicht in einer dieser drei Adressen, scheint das einst so glorreiche Musiklabel Triple M Music GmbH offenbar noch seinen offiziellen Firmensitz zu haben, aber selbst dies scheint nicht sicher. Die Domain triple-m-music.de ist jedenfalls wieder zu vergeben. Vielleicht wartet Chef Andreas Pohle noch immer auf jene 700.000 Euro, die der einstige Boygroup-Gigant Luc Pearlman im Zuge eines millionenfachen Betrugsvorwurfs dem Berliner Unternehmen schuldet. Die großen Erfolge aber liegen eh schon lange zurück – so auch die kurze, wenngleich recht einträgliche Laufbahn der Berliner Teenieband The Boyz.

An dieser Gruppe war nun wirklich nichts neu: In Zeiten, in denen die Backstreet Boys und Caught In The Act jedes Bravo-Cover zierten und sämtliche Konzerthallen spielend füllten, reihten sich The Boyz mit ihrer Gründung 1996 fast zu spät in die Riege der Mädchenschwarm-Projekte ein. Florian Fischer, Adel Tawil und Tarek Hussein nahmen 1995 an einem Talentwettbewerb teil. Während ihres Auftritts wurden sie von einem Mitarbeiter des erwähnten Triple-M-Managements beobachtet, der in ihnen schließlich den nächsten großen Coup vermutete. Salvatore di Blasi schloss sich spontan der Band an, später entschied Fischer auf einer Berliner Modenschau Stephane Kroll-Marongiu als fünftes Crewmitglied hinzuzuholen – und fertig war das hübsche Jungs-Quintett im Alter zwischen 16 und 22 Jahren.

Das ziemlich aufgesetzte Semi-Gangster-Image, das die Jungs im Video zu „One Minute“ im trostlosen urbanen Ambiente präsentieren, wirkte im Dunstkreis des populären Euroraps, der Mitte der 90er sein Unwesen trieb, furchtbar unoriginell und hölzern – Etiketten, die auf nahezu jedem Song ihres Debütalbums „Boyz In Da House“ klebte. „I tell you that it is, outlaws living their lives with drug addicted kids. It’s worldwide cash rules the things around me…“ rappt es aus Kindermund in düster-getragenen Akkorden, so aalglatt und synthetisch produziert wie allgemein der offensichtliche Versuch des bereits genannten Labels, in Deutschland schnell noch Kapital aus dem Boygroup-Wahn zu schlagen. Den Text zum Song schrieb Adel Tawil, der sich später vor allem als Leadsänger von Ich + Ich und mit zahlreichen Soloprojekten von jener frühpubertären Phase im Musikbusiness alsbald emanzipieren konnte. Bei Zeilen wie „in the night in the dark there are shadows in my heart feel this pain which is driving me incredibly insane“ lässt sich erahnen, wieviele Fortbildungskurse an diversen Berliner Volkshochschulen Tawil nach dem Aus der Boygroup in Sachen „Songtexten“ noch belegt haben muss.

Von The Boyz sowie deren einzigem Top 10-Erfolg „One Minute“ ist heute wenig in der kollektiven Erinnerung der früheren weiblichen Anhänger geblieben. Das gleiche Schicksal ereilt ganz offenkundig auch dem damaligen Musiklabel Triple M Music GmbH. Man müsste wohl mal einen Blick ins Handelsregister werfen…

Aktuell: 2000 löste sich die Band auf.

Urteil: Behäbiges Eurorap-Stückchen, das zumindest stilistisch keinen allzu typischen Boygroup-Auswurf darstellt, aber letztlich nur dröge Stereotypen deutscher Ghetto-Metaphern bedient.

Jan

The Boyz – One Minute
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