Datum 1983
höchste Platzierung in den dt. Charts 1
Album How Old Are You?
Website http://www.robingibb.com/robin.html

RÜHRSELIGER LIEBESNOVELLENPOP

Es war der zweite Anlauf für eine Solokarriere, nachdem der erste Versuch 1970 mit dem Album „Robin´s Reign“ irgendwie kläglich scheiterte. Aber Robin Gibb suchte nun mal immer wieder die Herausforderung, und schließlich mussten die zuweilen längeren Bandpausen irgendwie sinnvoll gefüllt werden. Der 34jährige begab sich also wieder einmal ins Studio und schwor sich, sein Kompositionstalent mindestens genauso erfolgreich bei sich selbst anzuwenden wie den Bee Gees. 1983 veröffentlichte Gibb sein neues Album „How Old Are You“, mit großer Spannung wurde der Chartseinstieg in die britischen Top 100 erwartet – doch der erfolgte einfach nicht. Bilanz: Zero. An der mangelnden Popularität für die Bee Gees kann es allerdings nicht gelegen haben, 1979 regnete es für „Spirits Having Flown“ Platin bis zum Ersticken, 30 Millionen Einheiten wurden verkauft! Nach heutigen Maßstäben geradezu astronomisch. Und selbst wenn der Nachfolger „Living Eyes“ 1981 gerade einmal Platz 73 erreichte, für Solo-Experimente der drei Brüder war eigentlich das Feld bestellt.

Aber nur Barry konnte Anfang der 80er mit dem Duett mit Barbra Streisand („Guilty“) ordentlich punkten, für Robin sah die Bilanz von „Juliet“ alles andere als bemerkenswert aus. Wären da nicht die Deutschen gewesen. Mit stoischer Gelassenheit hangelte sich der Titel ab Ende April in der Bundesrepublik über Platz 32, 14, 9 und die 5 an die Spitze und verblieb ganze sechs Wochen dort. TV-Auftritte wie in „Thommys Pop-Show“ folgten und auch“Formel Eins“ ließ sich eine Einladung nicht nehmen. Dabei war die Wahl Gibbs, gerade diese Nummer als Auskopplung zu wählen, nicht unbedingt die glücklichste.

Abgesehen von dem etwas unoriginellen „Romeo und Julia“-Thema, das zu allem Überfluss auch noch im Musikvideo als schriftstellerische Traumvorstellung abgehandelt wird, schieben sich die Synthi-Akkorde allzu dominant durch die dezente Disco-Kanonade und erwürgen den larmoyanten Gesang von Gibbs zu einer rudimentären Beikost. Der Romancier besingt die Angebetete in schonungslosen Liebeslyrics auf Dreigroschenromanniveau, wie hier: „You know you taught me to fly, you take me clear to the sky, and all the people around the world can stand aside.“

In Deutschland, Schweiz, Österreich und Italien ging die Single millionenfach über die Ladentheken, in Großbritannien war auf Platz 94(!) Schluss. Soloflop hin, Bee Gees-Reunion vier Jahre später her – für Robin gab es in jenem Jahr 1983 vermutlich auch Wichtigeres als so etwas Schnödes wie Charts(nicht-)platzierungen: Am 21. Januar kam sein Sohn Robin-John auf die Welt…

Aktuell: Robin Gibb verstarb am 20. Mai 2012 an den Folgen seiner Krebserkrankungen an Darm und Leber.

Urteil: Märchenhaft konventioneller 80er-Wurf eines Komponistengenies, der bei „Juliet“ leider allzu bemüht eine Liebesnovelle zu einem rührseligen Popsong umgewandelt hat.

Jan

Robin Gibb – Juliet
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