Flachsige Palmenflirtgeschichte

Unweit von der französischen Grenze, ganz im westlichen Zipfel des Italiens, befindet sich ein berühmtes Kurstädtchen. Knapp 56.000 Einwohner, inmitten der Region Ligurien, ein Paradies für Nelken- und Rosenzüchter, mit zahlreichen Badegelegenheiten im Sommer und einer berühmten Spielbank für alle anderen Jahreszeiten. Hier, in Sanremo, im Teatro Ariston, lebt sie noch, die ursprüngliche italienische Folklore, die Leidenschaft für den großen Pathos. Es ist eines der traditionsreichsten Musikwettbewerbe überhaupt, älter als der Grand Prix d'Eurovision, bodenständiger und ehrlicher als jede Castingshow im deutschen Fernsehen: das Sanremo-Festival. Dieses jährliche Ereignis gibt es seit 1951, die berühmtesten italienischen (Gigliola Cinquetti, Adriano Celentano, Peppino di Capri, Toto Cutugno, Al Bano & Romina Power) und ausländischen (Peter Kraus, Udo Jürgens, Dusty Springfield, Cher, Louis Armstrong, Paul Anka, France Gall) Künstler nahmen bereits hieran teil. So auch im Jahr 1958 Domenico Modugno, 30 Jahre alt, italienischer Schauspieler und Sänger. Sein Titel: "Volare", ein feurig-leidenschaftliches Stück über das Fliegen und das strahlende Blau des Himmels, wurde zum spektakulärsten Beitrag auf dem Festival. Noch im gleichen Jahr trat Modugno mit dem Titel beim Grand Prix d'Eurovision auf und landete damit hinter André Claveau (Frankreich) und Lys Assia (Schweiz) auf Platz 3. Er gewann zudem zwei Grammys und nicht zuletzt den ersten Platz in den US-amerikanischen Billboard-Charts. Welch ein Durchbruch - der von unzähligen Gesangeskollegen weltweit nicht unbemerkt bleiben sollte. Eine ganze Herde von Sängern klonte "Volare" noch im gleichen Jahr der Veröffentlichung für die eigenen kommerziellen Zwecke: Dean Martin, The McGuire Sisters, Willy Alberti, Ralf Bendix - und natürlich Peter Alexander, der das große Potenzial der Schmachthymne für den deutschen Markt relativ schnell erkannt hatte. Der 32-Jährige war fantastisch im Geschäft, allein 1958 machte er neben zahlreicher Songveröffentlichungen mit drei Filmen auf sich aufmerksam. Und so konnte es sich der Österreicher auch erlauben, aus einer simplen Pianojazz-Schmonzette einen flotten Foxtrott-Verschnitt mit dem abwegigen Titel "Bambina" (Abwandlung des männlichen Pendants für kleiner italienischer Junge) zu machen. Statt sentimentale Sehnsüchte über die Eroberung himmlischer Sphären gab es für die deutschen Konsumenten eine exotische Palmenflirtgeschichte ("Bambina, oho, oho, Ciccina, ohohoho, ohohoho, wie wär's, wie wär's mit uns zwei?"), ganz angepasst an typische Italien-Stereotype, leicht flachsig vorgetragen, weitestgehend altbacken komponiert. Aber das war Alexanders Spezialität, der Charme des Generationsüberschreitenden, mit einer gewissen biedermeierischen Anstößigkeit, die nie allzuviel riskierte. Auf diese Weise schaffte "Bambina" im Hochsommer des Jahres 1958, zu jener Zeit, als die NASA gegründet wurde, Elvis Presley deutschen Boden betrat und Opel erstmals den "Kapitän" auslieferte, einen fulminanten Platz 2.Und Domenico Modugno, Urheber dieser italienischen Mitsinghymne? Er nahm noch einige weitere Male am Sanremo-Festival teil und blieb bis zu seinem Tod 1994 ein gefragter Sänger und Schauspieler. In Deutschland hingegen kennt ihn heute niemand.Aktuell; Peter Alexander verstarb 2011 in Wien.Die etwas dynamischere Interpretation des italienischen Originals liefert grundsolide Unterhaltung, doch Punktabzüge gibt es für die fantasielose Textvariation. 6 von 10 Punkten Jan

Peter Alexander – Bambina
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