Datum 1989
höchste Platzierung 2
Album Raw Like Sushi
Website http://nenehcherry.com

HIP HOP MEETS DANCE IM ACID-HOUSE-FAHRWASSER

„Schwarze Madonna“: So hieß nicht nur eine betitelte Schlagerzumutung von Bata Illic aus dem Jahr 1974 – diesen Titel hatten sich die Medien für die junge Hip Hop-Hoffnung namens Neneh Cherry Ende der 80er ausgedacht, nachdem sie ihr Debütalbum „Raw Like Sushi“ auf den Markt geworfen hatte. Ein extrem schiefer Vergleich, wie die Schwedin einige Zeit später bemerkte: Madonna sei deutlich ehrgeiziger und arbeite härter an ihrem Erfolg, so Cherry und fügte lachend hinzu: „… and she´s got a lot more money than me as well.“ Dass Cherry zudem mit entschieden angenehmeren Charaktereigenschaften als das US-amerikanische „Äquivalent“ aufwartet, verschwieg sie dabei lieber – obgleich sie damit zweifellos Recht gehabt hätte. Die entwaffnende Bescheidenheit, mit der sich Neneh Cherry auf ihrer Website präsentiert, lässt erahnen, warum es halt doch nicht zu einer wirklichen Weltkarriere reichen sollte. Dabei standen für sie die Tore 1988 wahrlich sperrangelweit offen.

Es waren die perfekten Voraussetzungen. Die Familienmitglieder: allesamt nahezu beängstigend künstlerisch veranlagt. Mutter Malerin, leiblicher Vater aus Sierra Leone Musiker, Stiefvater Don Cherry Jazz-Musiker (1995 verstorben), Halbbruder Eagly-Eye Cherry Sänger („Save Tonight“), Halbschwester Titiyo ebenfalls Sängerin („Come Along“) – da hätte sie wohl kaum eine Berufslaufbahn als Kindermädchen, wie es Cherry zunächst anstrebte, beginnen können. Das Aussehen: phänomenal, bildhübsch. Das Genre: Hip Hop meets Dance – die innovative Crossover-Rezeptur im fortlaufenden Fahrwasser der Acidhouse-Welle, kurz vor dem Beginn der Eurodance-Saison. Der Auftakt: „Buffalo Stance“, den sie selbst mit ihrem späteren Gatten Cameron McVey geschrieben hatte. Damit überfiel sie nun 1988 beharrlich die Radiostationen und Diskotheken.

Selten, vielleicht auch nie zuvor gelang der Spagat zwischen Rap und Gesangspart von ein und derselben Interpretin derart furios und überzeugend wie bei dieser Single. Da konnte, wenngleich leicht zeitversetzt, höchstens Queen Latifah noch ebenbürtig die weibliche Hip Hop-Fahne hochhalten. Cherry selbst, die sich noch vor ihrer Solokarriere mit ihrer ersten Band „The Cherries“ dem Punkrock verschrieben hatte, bezeichnete den Song ganz treffend als „hard, fast, sexy … and raw“ und erkannte darin „female strength, female power, female attitude“ – natürlich ohne jeden feministischen Diskurs, welchen man der im schreiend bunten Musikvideo so erbarmungslos cool und selbstbewusst auftretenden Künstlerin durchaus zugetraut hätte. Auch Zeilen wie „No moneyman can win my love, it´s sweetness that I´m thinking of (…) I´ll give you love baby, not romance, I´ll make a move nothing left to chance“ wären durchaus beweiskräftig genug, das Bedürfnis nach einer deutlichen Korrektur des Frauenbildes in der Rapmusik hierin artikuliert zu sehen.

Aber die impertinente Zuschaustellung von Weiblichkeit? Damit wäre sie vielleicht doch allzu nah an das Vergleichsobjekt der medialen Begierden namens Madonna geraten. Und das hat auch eine begabte Musikerin wie Neneh Cherry sicher nicht nötig…

Aktuell: 2014 veröffentlichte sie ihr gerade einmal viertes Studioalbum: „The Blank Project“. Spiegel Online urteilte dazu: „roh und exponiert“. Ihre Wandlungsfähigkeit hat sie auf jeden Fall beibehalten.

Urteil: Flottes Rapstück, das zwar seinen leicht verstaubten Synthiteint kaum verhehlen kann, aber dafür die Eloquenz und das Charisma der Sängerin bestens in den Mittelpunkt stellt.

Jan

Neneh Cherry – Buffalo Stance
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2 Gedanken zu „Neneh Cherry – Buffalo Stance

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