HAUSMUTTITAUGLICH-LUFTIGE SCHLAGERNUMMER

 

Datum 1963
höchste Platzierung in den dt. Charts 1
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Mittwoch, der 24. April 1963. Der französische Staatspräsident rang gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, um eine Lösung in der sogenannten Berlin-Frage, die sich zum „Schmelztiegel“ für die politischen Differenzen zwischen der Bundesrepublik und der DDR in den folgenden Jahren entwickelte. Laut der sowjetischen Parteizeitung „Prawda“ war es Wissenschaftlern der UdSSR erstmals gelungen, stabiles Plasma zu gewinnen. Und der 1. FC Nürnberg verlor im Europapokal-Halbfinale gegen Athletico Madrid mit 0:2, die Tore schossen Chuzo und Mandonca.

Doch sämtliche zeithistorischen Ereignisse verblassten angesichts einer Begegnung zweier Musiker im Electrola Studio im Kölner Maarweg am frühen Abend. Heinz Gietz, 39 Jahre alt, Pianist, Musikproduzent und Caterina-Valente-Entdecker, begrüßte eine 17-jährige Blondine mit Zuckerlächeln und Reese-Witherspoon-Blick sowie einen 27 Jahre alten Kaufmannssohn aus Süddeutschland. Gitte Haenning ließ sich in Deutschland gerade als neue forsche Schlagerprinzessin mit „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ feiern, Gildo kassierte nach „Speedy Gonzales“ den nächsten Bronzenen Bravo-Otto für seine unschlagbare Teenie-Kompatibilität. „Da müssten sie doch mal etwas zusammen machen“, dachten sich der CEO sowie dessen Chefbuchhalter bei Electrola und erfanden das neue Traumduett Gitte & Rex Gildo. Ob tatsächlich das Trällermassaker der beiden ausschlaggebend für diese Union war oder doch vielmehr die Vermixung Ergebenheits-geblendeter Sehnsüchte junger Abiturientinnen mit den sumpfigen Altherrenphantasien lüsterner Truckerfahrer auf dem Weg zwischen Aachen und Uelzen, blieb ungewiss. Das Geld sprudelte trotzdem auf die Konten der einst größten deutschen Plattenfirma.

„Vom Stadtpark die Laternen“ erzählt die Geschichte zweier Liebender, die sich des Nachts in den städtischen Grünanlagen ihrer großen Liebe versichern, während seine Mutter und ihre Freunde dieser Beziehung mit Mahnungen und Unverständnis begegnen: „Meine Freunde sind blöd, sie können mich nun mal nicht leiden, denn nicht einer versteht, was dir an mir denn so gefällt. Doch ich finde das schön, wenn für verliebte junge Leute von heute am Abend tausend Sterne steh’n am Himmelszelt.“

So swingen sich die beiden durch diese luftige Romanzennummer, die ganz auf den amorösen Gesangs-„Dialog“ angelegt ist, ziemlich altbacken und fernab des grassierenden Beat-Zeitgeistes, aber hausmuttitauglich.

In Deutschland kassierte das neue Traumpaar der Schlagerbranche 1963 Platz 1 der Hitparaden – es war der Auftakt für eine ganze Reihe weiterer gemeinsamer Singles, bevor zwei Jahre später wieder die Solokarrieren im Vordergrund standen. Als 1965 Gitte die Beendigung der Zusammenarbeit initiierte, musste Fußball-Deutschland übrigens wieder eine 0:2-Niederlage im Europapokal verkraften, diesmal jedoch erst im Finale: Der TSV 1860 München verlor gegen Westham United.

Aktuell: Rex Gildo verstarb im Jahr 1999, Gitte Haenning ist derzeit auf der Bühne des Theaterhauses Stuttgart zu sehen.

Urteil: Konventionelles Liebschaftsschlagerchen, das ohne Mühe das Herz des Hörers umschmeichelt – aber in solcher Rezeptur schon gefühlte Tausend Mal durch die Hörfunkstationen irrlichterte. 5 von 10 Punkten

Jan

Gitte & Rex Gildo – Vom Stadtpark die Laternen

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