Datum 1962
höchste Platzierung 3
Album
Website

GEMÜTLICH-LAUSCHIGES WALZERSTÜCKCHEN

Nein, nicht die 1993er Spielshow zur offiziellen Einführung der Postleitzahlen mit Rudi Carrell ist hier gemeint, auch nicht die Hattersheimer Matinee-Reihe – „Die Post geht ab“ war vor allem ein Schlagerfilmchen, eine weitere eher schlichte cineastische Arbeit aus dem so ergiebigen Oeuvre des Drehbuchautors Helmuth M. Backhaus. Es geht um den Trompeter Willy, der wider Erwarten statt eines großen Vermögens nur einen schrottreifen Autobus von seinem Onkel vererbt bekommt und sich schließlich mit seinem Freund Franz, später mit den Gewinnern eines Talentwettbewerbs, auf große Reise begibt. Zur Besetzung: Willy wird gespielt von Adrian Hoven, Franz von Gunnar Möller, Barbi, die Tochter des berühmten Schlagersängers Rudolf Lothar, von Vivi Bach – und deren Filmvater, also eben dieser Rudolf, von einem Interpreten, der zu Anfang seiner Karriere auf Plakaten als „Berlins jüngster Schlagersänger“ angekündigt wurde: Gerhard Wendland.

Schmusiges und Schnulziges, das war Wendlands herausragende Qualität. Und das war auch seine Erfolgsgarantie, denn als Teenieidol hatte er es – zumal 1962 in einem für das damalige Schlagerbusiness recht stolzen Alter von 46(!) Jahren – ziemlich schwer gegen die deutlich jüngere Konkurrenz. Aber er schaffte bei der Plattenfirma Philips ein fulminantes Comeback: Nach dem Nummer 1-Titel „Tanze mit mir in den Morgen“ rauschten auch alle weiteren Veröffentlichungen völlig problemlos in die Charts der Teen- und Twenheroen, beispielsweise „Schau mir noch mal in die Augen“. Im eleganten Zwirn, mit einer gefälligen Pose des koketten Gentlemans der alten Schule becirct und räsonniert er im dezenten Walzertakt mit galanten Worten wie „Schau mir nochmal in die Augen, schau und du siehst: ich bin dein. Nie geh‘ ich fort. Du hast ewig mein Wort.“ Ähnlich wie der Film ist dies kalorienarmes Schlagergedudel, aber von solch melodiöser Gemütlichkeit und mit herrlich altbackenem Charme, das man als schüchternes Petticoat-Mädchen auf der Tanzfläche auch diesem etwas in die Jahre gekommenen Grandseigneur nochmal an die Bar folgen würde.

Und da wohl auch die Damen in der präfeministischen Ära einem im Songtext selbsttitulierten „Casanova“, der sich von einer jener Liebschaften nun zur Monogamie hat bekehren lassen, gerne freiwillig verfallen, konnte sich Wendland vor allem einem großen weiblichen Fankreis gewiss sein. Bis der Rock´n´Roll, weltweit längst zum kulturellen Zeitgeist heraufbeschworen, auch ihn in die ewigen Annalen der etwas vergessenen Schlagerprinzen einziehen ließ. „Die Post geht ab“ ereilte ein ähnliches Schicksal im Gedächtnis der Kinofans, und gegen den kommerziell erfolgreichsten Film des Jahres 1962 hatten Erhardt, Bach, Wendland & Co. eh keine Chance: „Lawrence von Arabien“.

Aktuell: Gerhard Wendland starb 1996 in München.

Urteil: Behaglich-lauschiges Schlagerliedchen aus der späten Adenauer-Zeit, musischer Konservatismus durch und durch. Aber nicht ohne großen Stil vorgetragen.

Jan

Gerhard Wendland – Schau mir noch mal in die Augen

2 Gedanken zu „Gerhard Wendland – Schau mir noch mal in die Augen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.