Datum 1956
höchste Platzierung 3
Album
Website http://www.fred-bertelmann.de/

CHAUVINISTISCHE SCHLAGERPERLE

Dass es der Mann in unserer genderisierten Welt zunehmend schwerer hat, seiner klassischen Geschlechterrolle gerecht zu werden, dürfte kaum wirklich bezweifelt werden: So reicht es heutzutage nicht mehr, bei einer lockeren Begegnung in Disco, Cafe oder Bahn die gewohnten Verführungskünste und bewährten Sprüche anzuwenden, inzwischen müssen Assessment-Center und aufwändig lange Bewerbungsverfahren bewältigt werden, um der Frau von heute zu imponieren. Taugt der Typ als treuer Partner? Wäre er ein verantwortungsvoller Familienvater? Kann er auch leidenschaftlicher Liebhaber? Und verdient er dazu ordentlich? Flirtschulen haben Hochkonjunktur, die Pick-Up-Bewegung floriert prächtig. Kurz: Der Mann steckt gewaltig in der Krise.

Nun, das war damals, in den 50er Jahren, alles noch etwas anders – wie uns ein berühmter Duisburger Schlagersänger eindrucksvoll beweist. Er fragt sich vielmehr ernsthaft, „ob die Susi Kaffee kochen kann, Kuchen backen kann, Wäsche waschen kann. Ob sie meine Schuhe putzen kann, Hemden bügeln kann, Zwiebeln schneiden kann…“ Und als wenn das nicht schon genug wäre, will sich Susis Liebhaber Gewissheit über die weiteren Qualifikationen seiner Herzensdame machen, bevor er die Liaison mit ihr einzugehen wagt: „Ob das Girl auch Kaffee kochen kann, Klöße machen kann, Fenster putzen kann. Ob sie auch ein Roastbeef braten kann, Hund ausführen kann, Babies wickeln kann…“

Ja, liebe Herren der Schöpfung, es war ja schließlich nicht zu allen Zeiten der Fall, dass ihr Elternzeit nehmen, Kochkurse an der Volkshochschule besuchen und die Spülmachine ausräumen musstet. An solch herrlich unbedarften Schlagerperlen wie „Meine kleine süße Susi“ lässt sich auf prächtige Weise die präemanzipatorische Wirtschaftswunderzeit hochleben, in der hübsche Jungs wie Vico Torriani, Bully Buhlan und Fred Bertelmann mit feinen Manieren und Gentleman-Gehabe den verehrten Fräuleins ihren angestammten Platz in Küche und am Wickeltisch zuwiesen. Nun gut, auf gewisse Weise hat sich das Frauenbild in den Hip Hop-Produktionen der Neuzeit auch nicht groß verändert, aber wird es dort nicht ansatzweise so charmant in gelenkige Verse gepackt wie hier, wo es abschließend heißt: „Wenn die süße Susi alles kann und gern tut für mich, ja dann sag‘ ich: Susi, Susi, Du ich liebe Dich. Wir zwei werden glücklich werden, Susi, Du und ich.“ Tja, Mädels, die Liebe eines Mannes war damals noch erheblich teurer als heute!

Fred Bertelmann wurde 1925 in Duisburg geboren und trat bereits kurz nach Ende des Krieges in einer Swing-Band auf; später wurde er von Electrola unter Vertrag genommen und machte sich einen Namen als Schlagersänger. Zu seinen größten Hits gehörten u.a. „Tina Marie“, „Der lachende Vagabund“ und „Ich bin ja nur ein Troubadour“.

Aktuell: Ende 80 ist Bertelmann mittlerweile – und der selbsternannte „lachende Vagabund“ tritt noch immer bei der einen oder anderen Gelegenheit vor Publikum auf, wie Ende 2012 bei einer SWR4-Veranstaltung. Auf seiner Website sind auch einige seiner Gemälde zu finden, die man käuflich erwerben kann. Update: Am 22.1.2014 starb Fred Bertelmann im Alter von 88 Jahren in Berg am Starnberger See.

Urteil: Leider wird letztlich nicht das Rätsel aller Rätsel aufgelöst, nämlich ob nun Susi am Ende tatsächlich all diese „Begabungen“ auch mitbringt und das Glück der beiden Liebesleute vervollkommnet. Egal: Dieses Spitzbübische, Freche und Flotte, was die Platz 3-Platzierung aus dem Jahr 1956 mitbringt, ist irgendwie sympathisch. „Ob sie auch ein Roastbeef braten kann…“ Ist das nicht herrlich?

Jan

Leider kein Video vorhanden. Eine Hörprobe findet man auf Amazon.

Fred Bertelmann – Meine kleine süße Susi

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