Datum 1995
höchste Platzierung in den dt. Charts 4
Album Musik mit Hertz
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DIE FOLTERKAMMER DES EURODANCE

Da sind wir, hier in den kalten, dunklen Niederungen der deutschen Technovorhölle, im Abgrund der Eurodancemaschinerie, in den Folterkammern der Musikinquisitoren, und keine Arznei, kein Cortison bietet ausreichend Schutz gegen die langfristigen Folgen jenes Akustik-Terrors. Ob es die Auswirkungen der späten Kohl-Ära waren? Oder der Mangel an künstlerischen Alternativen Mitte der 90er Jahre? Felix J. Gauder (E-Rotic, Novaspace, Blue Lagoon) und Olaf Roberto Bossi  war dies herzlich egal: Das Modul funktionierte. Und zwar prächtig. Gerade hatten sie mit dem Paso Doble-Cover „Computerliebe“ aus dem Stand heraus eine Goldene Schallplatte abgeräumt, und nun schmiss das Produzenten-Duo die Nachfolgesingle hinterher.

An vorderster Bühnenfront: Die beiden weitestgehend unbekannten Gesangsprofis Yasemin Baysal und Dierk Schmidt. Beide boten jenes Stimmgerüst, das unter Beimischung diverser Vocal-Effects zu dem typischen blechernen Pitch-Gesang führte, mit dem Das Modul die Neue Deutsche Welle wieder aufleben ließ. „Kleine Maus“ bediente sich derselben krachledernen Mittel wie „Computerliebe“ und landete zwischen „Scatman´s World“ und „Shut Up“ im Juli 1995 direkt auf Platz 4 in den Charts.

Auf der Suche nach den Attentätern dieses Jahrmarktsgehämmers wird man im Netz nur unzureichend fündig: Weder die Produzenten noch die beiden Sänger machten nachhaltig auf sich aufmerksam. Dafür gab es jedoch einen ausgewiesenen Fan des hier behandelten Projekts, und dessen Spur führt nach Düsseldorf. Im Rahmen seiner ersten HTML-Programmierversuche entwickelte Dominik Scherer 1998 die erste (und gewiss auch einzige) Fanseite zu Das Modul. Auf Nachfrage erläuterte dieser gegenüber Songbrief: „Ich kann leider nicht leugnen, dass ich die Musik von „Das Modul“ damals toll fand. (…) Da es damals kaum Infos zu Das Modul im Internet gab, habe ich kurzerhand mein HTML-Interesse mit meinem Interesse an Das Modul kombiniert.“ Jene Website, die zu Zeiten entstand, als Facebook noch eine Utopie war und die Suchmaschine Google allenfalls als Beta-Fassung existierte, schüttete die größtmögliche Lobpreisung über die Kirmestechno-Aktivisten aus:

„Das einzigartige an dem Modul sind jedoch die Texte. Sie karikieren eine computerisierte Technowelt und vermischen so geschickt beide ‚Welten'“ heißt es auf der Homepage, und weiter: „Einen faszinierenden Mix schaffen sie, indem sie Liebessongs mit Computerausdrücken mischen und damit amüsante, lustige Lieder schaffen. Beispiele dafür findet man praktisch in allen Liedern. Oft wird Das Modul auch als Nachfolger der deutschen Kultband Kraftwerk bezeichnet.“

Das Modul als Erben der deutschen Elektropioniere Kraftwerk? „Kleine Maus“ die konsequente Fortsetzung von „Autobahn“ und „Das Model“? Tief unten, in den langgestreckten Katakomben der Geschmackslosigkeit, in den Kellergewölben der deutschen 90er-Jahre-Technokultur, wird man diese Ansicht wohl heute noch teilen können. Scherer selbst widmete sich jedoch bald anspruchsvolleren Entwickler-Aufgaben und übernahm die Fanpage für ein anderes nationales Kulturgut, das im Gegensatz zum Modul bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat: das Yps-Heft.

Aktuell: 2001 gab es ein Remake der „Computerliebe 7.1“, Das Modul vs. E-Love. Danach wurde auf weitere virtuelle Zärtlichkeiten verzichtet.

Urteil: Nach dem verhältnismäßig hinnehmbaren Trash-Auftakt folgte die unzumutbare Horror-Fortsetzung aus dem Studio Gauder und Bossi: Billig, witzlos, niveauarm.

Jan

Das Modul – Kleine Maus
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2 Gedanken zu „Das Modul – Kleine Maus

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