Datum 2001
höchste Platzierung 1
Album Moulin Rouge OST
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POMPÖSE STIMMGEWALT IN STRAPSEN UND CORSAGEN

82, Boulevard de Clichy, 75018 Paris-Montmartre. Hier steht sie, die „Rote Mühle“, das ultimative Wahrzeichen französischer Varieté-Tradition. Der Besuch einer Show erfordert schon eine gewisse Investititonsbereitschaft: Eine abendliche 21 Uhr- oder 23 Uhr-Veranstaltung ohne Extras kostet bereits stolze 102 Euro pro Karte. Wer zusätzlich mit Dinner und Champagner am Platz versorgt werden will, der kann für das Belle Epoque Menü gerne auch mal den doppelten Preis bezahlen. Nostalgiebewusste und Zahlungsbereite zögern keine Sekunde: Es handelt sich schließlich um das legendäre „Moulin Rouge“!

Kaum ein Veranstaltungsort wurde in Musik, Literatur und Film so häufig zum Thema gemacht wie jenes, das seit 1889 seinen Platz im Pariser Vergnügungsviertel Pigalle hat. Bereits 1950 schrieb der Autor Pierre La Mur eine Novelle über den französischen Grafiker Henri de Toulouse-Lautrec, der einst die Plakate für das „Moulin Rouge“ konzipiert hatte. Zwei Jahre später erschien die filmische Adaption des Regisseurs John Huston in den Kinos. Baz Luhrmann griff diesen Stoff fast 50 Jahre später ebenfalls wieder auf. Für den Australier war es 2001 nach „Strictly Ballroom“ und „William Shakespeares Romeo und Julia“ sein insgesamt drittes Werk. Hier wie auch in späteren Filmen von ihm spielte Nicole Kidman die Hauptrolle, neben ihr trat Ewan McGregor auf.

Es wurde das erwartete cineastische Feuerwerk, eine gigantisch bebilderte Musical-Eruption voller Kostümreigen (für welche es schließlich auch den Oscar gab) und popgeschichtlicher Referenzen mit eher geringem Stellenwert der Erzählkonsistenz. Wichtiger war eh die Musik. Besonders ragte beim Soundtrack ein weibliches Quartett heraus, dass sich an der genialen wie legendären Patti LaBelle-Nummer „Voulez vous coucher avec moi“ (1974) „verging“. Die Zusammenstellung der Protagonistinnen war durchaus bemerkenswert: Nebst der Edelpopdiva Christina Aguilera präsentierten sich die Gossenrapperin Lil´Kim, die zierliche Tanzmaus Mya sowie Rockröhre Pink in vollendeter Eintracht. Natürlich in Corsagen, Strapsen und Revuegirl-Kleidern, was die Garderobe vor Ort am Filmset  nur so hergab. Dass alle vier bei „Lady Marmalade“ nicht nur stimmlich sehr gut miteinander harmonierten, sondern zudem eine präzise und wirkungsvolle Show im entsprechenden Musikvideo aufs Parkett legten, war nicht von vornherein abzusehen.

Aber der Song funktioniert dank perfekten Timings, pompöser Stimmgewalt und einer souveränen Produktionsmaschinerie von Missy Elliott, die hier mal wieder ihr großartiges Gespür für die moderne Verschmelzung von Hip Hop, R´n´B und Soul unter Beweis stellte, derart prächtig, dass es gleich mal Nummer 1-Erfolge in Europa und den USA hagelte. Da störte sich auch niemand weiter daran, dass es im Ursprungstext eigentlich um eine Prostituierte in New Orleans ging – nun „transferierte“ man halt den inhaltlichen Kontext nach Paris. Abgesehen von Aguilera war es für die restlichen Beteiligten jeweils der erste Sprung an die Spitze der amerikanischen Charts.

Übrigens: Auch Österreich hat sein „Moulin Rouge“. In der Wiener Walfischgasse 11 entstand bereits fünf Jahre zuvor ein Lokal mit dem gleichen Namen. Lange Zeit wurde der Veranstaltungsort als Diskothek genutzt. Nun ist hier das Restaurant „Vapiano“ eingezogen: Zumindest dürften hier die Preise für Pizza und Pasta noch deutlich geringer sein als jene, die auf der Speisekarte der Pariser Namensschwester zu finden sind…

Aktuell: Alle vier Sängerinnen sind noch immer mehr oder weniger erfolgreich im Musikbusiness aktiv. Um Missy Elliott, die Grande Dame hinter „Lady Marmalade“, ist es allerdings etwas ruhig geworden.

Urteil: Muntere Neuauflage des Patti LaBelle-Songs, die zweifellos die Wucht und Lebendigkeit des Originals inklusive einer angemessenen Retro-Färbung dank vier sehens- und hörenswerter Powerfrauen in die Neuzeit „teleportiert“. 8 von 10 Punkten

Jan

 

Christina Aguilera, Lil‘ Kim, Mya & P!nk – Lady Marmalade
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